Testphase des Paketkopters abgeschlossen / gestalterische und ethische Fragen angestoßen.

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Logistik
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Die Frankfurter Rundschau fühlte sich bei der Präsentation an einen »Kugelgrill« erinnert. Das Ding sehe aus wie ein »Mix aus Harley-Motorradtank und Windgenerator«, sagte mir der indische Ingenieur Deepak Mukherjee. Ungewöhnlich und fremd fühlt es sich allemal an.

Im letzten September ging der Launch des ersten realen Drohnen-Paketzustellservice im Pressgetöse unter – zwischen Ukrainekrise und IS. Daher möchten wir nach dem Ende der Testphase  ausführlicher auf den 113,6 cm breiten, 173 cm langen und 49 cm hohen Zukunftsboten eingehen.

DHL feiert den Testbetrieb zwischen September und Ende des Jahres 2014 als wichtigen Schritt in eine neue Paketlogistik. Auf Facebook wurde zu Start eifrig gepostet, mancher fand das Projekt „einfach geil“, während eine Nutzerin unter dem Namen Flowers Power inständig hoffte, »dass diese Flugobjekte nur für den Notfall sind. Ich würde es nicht gut finden, dass über meinem Kopf solche Teile herumfliegen und zudem noch Krach erzeugen!« Konfliktstoff genug gibt es für eine ausführlichere Auseinandersetzung mit dem Paketkopter.

Die DHL sah den Start des ersten vollautomatischen Lieferdienstes zwischen Norddeich und der Friesischen Insel Juist als ein „Weltereignis“. Binnen 9 Monaten seit dem Jungfernflug des Paketkopters 12/2013, war die Technologie unter Hochdruck entwickelt worden, so dass ein regelmäßiger Lieferdienst zumindest simuliert werden konnte. Durch die Erteilung der ersten Genehmigung für autonome Transportflüge per Kopter in Europa wurde dies möglich. So etwas gab es tatsächlich noch nirgends, obwohl angesichts der politischen Drohnen-Diskussion der Eindruck entstanden war, dies sei bereits eine etablierte Technologie auch für den heutigen Paketlieferdienst.

Was wurde realisiert?

Dreimal die Woche belieferte das Gefährt die „Seehund-Apotheke“ auf der Insel Juist. Bei einem Gewicht von 4,9 kg erreicht die Drohen 65 km/h und konnte 1,2 kg Nutzlast transportieren. Sie wird mit einem Akku betrieben, der bei dem Juister Versuch nach jeder Einzelstrecke ausgetauscht wurde. Immerhin hat der Paketkopter mit einer Akkuladung 12 km Reichweite. In einer Flughöhe von ca. 50 Metern legt er, je nach Wind, bis zu 18 Meter pro Sekunde zurück.

Die DHL sieht diese Art der Zustellung nicht als baldige Möglichkeit für die Regelzustellung. Sie sei zunächst für außergewöhnliche topografische Situationen geeignet, etwa zwischen Inseln, im Gebirge, über schroffe Täler – oder natürlich im Notfall.

„Im Rahmen dieses Forschungsprojekts ist es zum bisher ersten und einzigen Mal in Europa möglich geworden, ein unbemanntes Luftfahrzeug ohne direkten Sichtkontakt eines Piloten in einem echten Anwendungsfall zu betreiben.“ verlautbart die DHL.

Vorbildliche Forschungskooperation

Interessant aus Sicht des dml und des HoLM ist insbesondere die Zusammenarbeit mit den Forschungs- und Entwicklungspartnern, dem Institut für Flugsystemdynamik der RWTH Aachen und der Microdrones GmbH. Das Projekt durchlief einen vom niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr geleiteten umfangreichen Abstimmungs- und Genehmigungsprozess. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur richtete in Abstimmung mit der Deutschen Flugsicherung (DFS) für dieses Forschungsprojekt ein exklusives Flugbeschränkungsgebiet ein. Neben der Inselgemeinde Juist und der Stadt Norden gab auch die Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer den Einsatz des Kopters frei.

An dieser umfangreichen Genehmigungs-Arie lässt sich erkennen, dass hier tatsächlich Neuland betreten wurde. Aber es ist auch klar, dass  DHL es sehr ernst meint mit diesem Projekt.

„Unser DHL Paketkopter 2.0 ist schon jetzt eines der sichersten und zuverlässigsten Flugsysteme seiner Klasse, der die Anforderungen für einen solchen Anwendungsfall erfüllt. Wir sind stolz, den Bürgern und Besuchern der Insel Juist mit diesem Zusatzangebot einen echten Mehrwert bieten zu können und freuen uns über die Unterstützung der beteiligten Gemeinden und Behörden“, sagte Jürgen Gerdes, Konzernvorstand Post – eCommerce-Parcel der Deutschen Post DHL.

Was bedeutet dieses Ereignis für die Produktgestaltung?

Aus Sicht des Designs muss spätestens jetzt die Frage nach der Produktsprache und insbesondere den spezifischen Anzeichen dieser Geräte gefragt werden, die zur Zeit noch eher bedrohlich und fremd wirken. Würden sie tatsächlich in anderen und häufigeren Zusammenhängen eingesetzt werden, müssten neue  Morphologien entwickelt werden, ggf auch andere Begriffe, die eine klare Distanz zwischen diesen zivilen Geräten und den militärischen Drohnen schafft. Die militärischen Drohnen haben zu Recht den übelsten Leumund, weil sie für den Betreiber folgenlose grausamste ferngesteuerte Attacken ermöglichen. Heathcote Williams formulierte in seinem beklemmenden epischen Gedicht über Drohneneinsätze in Afghanistan Der Herr der Drohnen: „Die thermobaren Waffen der Predator Drohne mit ihren Aerosol-Bomben versprühen hochentzündlichen Nebel, der dann in Brand gerät. Ein Vakuum, das einen Feuersturm bewirkt, zerreist die Lungen in den Zielgebäuden. Sie können die inneren Organe der Feldarbeiter in der Nähe zum Zerplatzen bringen.“ (Lettre International 98, 2012, p. 8).

Gestaltung eines völlig neuen Fahrzeugtypus

Wenn wir über die neue Technologie nachdenken, dann reden wir unweigerlich auch über diese Dimension des unverantwortlichen Missbrauchs von Drohnen. Insofern sind Drohnen als neue Produktsparte auch ein relevanter Gegenstand nicht nur für gestalterische und terminologische Reflexionen und Konzepte, sondern auch für ethische Überlegungen im Industrial Design. An der HfG wurde bereits eine Diplomarbeit zu dem Thema abgenommen (siehe unseren Beitrag von Okt 2014 http://dml-hfg.de/drohnen-design/ )

Die eigentliche Aufgabe kommt aber jetzt, da wir wissen, dass die Genehmigungen da sind. Unternehmen wie die DHL sehen das enorme Zukunftspotential bereits sehr klar. Wir müssen das Thema daher stärker untersuchen, nicht nur bezüglich der Etablierung ziviler Drohnen in Abgrenzung von militärischen, sondern in jeder Hinsicht. Wir haben es schließlich mit der Gestaltung und Definition einer völlig neuen Fahrzeuggattung zu tun – die wir nicht den Ingenieuren alleine überlassen können.

 

[Bild: DHL]

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