Nicht nach oben, nein nach unten geht es nach vorne.

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Das Gesamtmodell. © Cargo Sous Terran, 1/2016

Während sich die kalifornische Datenkrake Google und die deutsche DHL über Fluggenehmigungen für Transportdrohnen den Kopf zerbrechen (siehe unseren Artikel vom letzten Januar), sind die Schweizer mal wieder abgetaucht. Nicht um Schwarzgeld zu verbuddeln oder die Fußballmafia zu decken, sondern um die  Logistik endgültig zu versenken. In Deutschland weitgehend unbemerkt, brach in der Schweiz mit der Präsentation der Machbarkeitsstudien ”Cargo Sous Terrain“ (Transport unter der Erde) eine öffentliche Diskussion los, die an Vielfalt und Heftigkeit nichts zu wünschen übrig lässt.

Wunderschöne Landschaften

Es um geht um nichts geringeres als um die Verlagerung eines erheblichen Teils der Logistik, aber auch – und das ist besonders spannend – der Mikrologistik für den Einzelhandel, unter die Erde.

Während sich hierzulande die KEP-Dienstleister mit den Kommunen wegen der Staus infolge der rasant wachsenden Transporte in den Haaren liegen, will man bei den Eidgenossen einen Entwicklungsschritt überspringen – und gleichzeitig zahlreiche Umweltprobleme beheben (lässt man einmal den energetischen Aufwand für diesen Piranesihafte Maulwurfsbau beiseite).

»Mehr als nur eine Röhre mehr«

so titelte die Neue Zürcher Zeitung am 26.1., als die Nachricht durch die Alpentäler donnerte. Am selben Tag noch echote es bereits in der Aargauer Zeitung »Das wird die Logistik in der Schweiz auf den Kopf stellen.« und am 28. Januar jodelte die Limmattaler Zeitung »Sous terrain-Anschluss für Ortsgüteranlage wäre möglich.«

So pragmatisch sind die Helvetier. Dass am gleichen Tag in der Baselländischen die Frage gestellt wurden, ob man denn wirklich noch mehr Tunnel bauen solle und am 29. die Finanzierungsfrage im Zentrum stand, ändert nichts an dem starken, einmal gesetzten Impuls. Dieser macht sich seitdem in zahlreichen TV und Radio-Diskussionen Luft.

Folgen für die Umwelt? Umwerfend gut!

Das Konsortium Cargo Sous Terrain beschreibt die Umwelteffekte als besonders markant: »die Effekte bzgl. Lärm, CO2-Ausstoss und weitere Emissionen« sind erheblich »Cargo sous terrain ist ein wichtiges Element einer nachhaltigen Güterversorgung und Enabler für eine grüne Logistik (auch durch die City-Logistik). Cargo sous terrain kann einen Teil des künftigen Güterverkehrswachstums absorbieren. Es bewirkt eine Entlastung bei der Beanspruchung der Strassen, da ein erheblicher Teil der äusserst strassenbelastenden LKW-Fahrten durch Cargo sous terrain ersetzt werden kann. Das vermindert auch die Stauwirkungen auf den stark befahrenen Nationalstrassen. Die Hubs verwenden vornehmlich bestehende Infrastrukturen, damit kein zusätzlicher Landverbrauch notwendig ist. Eine transparente Gesamtbilanz der Umweltauswirkungen von Cargo sous terrain liess der Verein im Rahmen eines Life Cycle Assessments erarbeiten. Untersucht wurden die Effekte bei der Luftqualität, bei den Lärmemissionen, bei der Raumnutzung sowie bei den Gesundheitskosten. Die Studie bestätigt klare Vorteile von Cargo sous terrain gegenüber aktuellen Transportsystemen.»

Disruptive Innovation mit den Prinzipien des Netzwerkeffektes.

Was sich die Internet-Ökonomie vom Zuschnitt der Silikon-Valley-Startups auf die Fahnen geschrieben hat, nämlich die serielle Zerstörung kompletter Geschäftsmodelle (disruptive Innovation), wirkt auch hier. Und was das Prinzip dieser Netzökonomie ist, nämlich der Vorteil von Monopolen und die wachsende Attraktivität mit der Anzahl der Teilnehmer in solch einem Netz (à la Facebook) lässt sich auch hier beschreiben, Wenn dieses Netz Wirklichkeit würde und mit der angestrebten Geschwindigkeit die kritische Masse (heißt: Streckenlänge ) bekäme, dann wäre es kaum noch zu stoppen, denn die Vorteile sind, insbesondere was Lärm und Schadstoffemissionen betrifft, tatsächlich frappierend.

Keine Spinner – dahinter stehen die ganz Großen.

Der Tagesanzeiger betont nicht ohne eine gewisse Bewunderung, dass es hier den Einzelhandels- und Telekom-Giganten gelungen ist, einen echten Coup zu landen. Coop, Migros, Swisscom, Post, Schweizer Bundesbahn und Mobiliar stecken dahinter. Sonst »würde man «Cargo Sous Terrain» wohl als Fantasterei abtun. Als eine Idee, die zwar auf dem Papier interessant ist, aber nie rentieren wird.« Durch die massive Kapitaldecke sowie die umfassende Logistik-Expertise  dieser milliardenschweren Akteure bekommt dies jedoch ein ganz anderes Momentum. Denn was machen die Amazons dieser Welt anderes als ihre Waren auf den bestehenden Transportsystemen zum Kunden zu bringen? Werden diese stärker bepreist, bemautet, besteuert, geriete ihr Geschäftsmodell möglicherweise ins Wanken.

Jeder Alpen-Kiosk ist eine Shoppingmall

Durch ein neues Logistikmonopol, in das man sich erst einmal einmieten, einkaufen müsste, bekämen Coop, Migros und andere Akteure das Heft in die Hand. Cargo Sous Terrain ist also auch eine direkte Reaktion auf die konstant wachsende Macht der Kalifornier. Das Firmenkonglomerat könnte mit diesem System, insbesondere in der Mikrologistik, selbst den kleinsten angeschlossenen Shop im hintersten Seitental mit der gesamten Warenpalette versorgen. Ein Kiosk würde zum Supermarkt. Ich könnte mir den exotischsten Joghurt, der mit einfällt bestellen: entweder auf einem Interface (à la dem – ebenfalls von Coop entwickelten – »supermercato del futuro« auf der EXPO Milano 2015) oder beim Händler. Der Joghurt wäre zügig vom Zentrallager aus da, ohne dass sich DHL, FedEx, UPS-Karren pittoreske Alpenpässe höchschlängeln, diese versperren und verstinken. Darin liegt ein Teil des Reizes.

Profitabilität: 1a

Kein Wunder also, dass die Ingenieurfirma CSD glaubt, dass »bereits vier Jahre nach dem Start der Tunnel gewinnbringend betrieben werden könnte.« Die Schweizer –trotz ihres traditionsorientierten Images tatsächlich höchst technikaffin – sind in einer aktuellen Umfrage des Tagesanzeigers zuversichtlich: 53, 4 % der 3729 Befragten sind sich wenigen Tage nach dem Launch der Machbarkeitsstudie sicher, dass die Schweiz in 15 Jahren eine solche U-Bahn haben wird. Um dahin zu kommen, muss natürlich ein Batzen Geld in die Hand genommen werden; doch davon gibt es in der Schweiz bekanntlich mehr als genug. Es sind dann auch nur 3,5 Mrd. Franken, die übrigens von der Wirtschaft, nicht dem Staat aufgebracht werden – auch das typisch schweizerisch. »Die Gründung einer entsprechenden Aktiengesellschaft ist für dieses oder nächstes Jahr vorgesehen.« verlautbart das Konsortium selbstsicher. »Verläuft alles nach Plan, kann die erste Etappe 2030 in Betrieb genommen werden. Sie erstreckt sich über 70 Kilometer und soll ein gutes Dutzend Hubs umfassen. Über solche Zugangsknoten können die Güter in den Tunnel hinein- und wieder aus ihm herausgeführt werden. Unter anderem sind sie in Suhr, Schafisheim und Spreitenbach geplant – also dort, wo bereits heute Logistikzentren stehen. Diese sollen durch die Gütermetro miteinander verknüpft werden.«

Tag und Nacht aktiv.

Da die Umwelt lärmmäßig nicht belastet wird, kann der Betrieb 24/7 laufen. Es werden ausschließlich Waren, keine Personen befördert, daher ist der Sicherheitsstandard viel niedriger als bei allen Tunneln, in denen auch Menschen reisen. Ist das System ein Erfolg, wird CST es in alle Welt exportieren, dessen können wir sicher sein. Für kleine und hochverdichtete Stadtstaaten wie Singapur, für Städte wie Rio oder Paris wäre es ein Segen. Das Schöne an der Schnittstelle zum Straßentransport, der im System natürlich auch eine Rolle spielt, ist, dass man mit zierlichen Lastfahrzeugen, elektrisch betrieben, ggf. unbemannt, die Feinverteilung durchführen kann. Kein Wunder also, dass der CST-Chef und ehemalige Postmanager Sutterlüti sicher ist: »Das wird die gesamte Logistikwelt auf den Kopf stellen.«

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