Mall-Sterben & Logistik-Landschaften als Gestaltungaufgabe

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Logistik
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In einem eindrucksvollen Beitrag in Arch + 205 beschreiben Alan Berger und Charles Waldheim das, was sie als „Logistiklandschaften“ definieren: Eine neue globale Landschaft, gefüllt mit Infrastruktur, ziemlich menschenleer, rational, ästhetisch depriviert und vollständig durchgeometrisiert; im optimalen Falle komplett plan bis zum Horizont. Diese Landschaften liegen weit außerhalb der Innenstädte, sind aber für deren Funktionieren unabdingbar – sofern in der Logik der Logistiklandschaften künftig noch Städte im europäischen Sinne benötigt werden.

In Waldheim und Bergers Darstellung der US-Rindfleisch-Logistik stehen gewaltige, über mehrere Quadratkilometer ausgedehnte Farmen im Zentrum der Produktions- und Lieferlogik. Die Rinderzucht-Anlagen sind weitgehend automatisierte Logistik-Wunderwerke. Anlieferung des Futters, der Medikamente, des Baumaterials sowie der Abtransport der Rinder hin zu den Schlachthöfen sind die Kernfunktionen. Sie müssen also optimal zwischen Getreideerzeugung und Fleischabsatz verortet sein.

Mit dem Terminus Logistiklandschaften werden die „seit über einem Jahrzehnt sich neu herausbildenden Landschaften der Häfen, Flugplätze, Autobahnen, Eisenbahnen, der Service-, Distributions-, Daten- und Callcenter bezeichnet. Sie bilden die Basis der Globalisierung, d.h. des Übergangs zu einem auf weltweiter Distribution basierenden Wirtschaftsmodell, dessen neue „Just-in-Time“-Gesetzmäßigkeiten Produktion und Konsum von globalen Waren-, Kommunikations- und Kapitalströmen abhängig machen.“ (Berger/Waldheim)

Diese Landschaften bestehen neben horizontalen Flächen, Schienen und Straßen in der Vertikalen v.a. aus fensterlosen Warehouses. Als System stellen sie üblicherweise intermodalen Knoten von Eisenbahnlinien, Containerhäfen und Flughäfen dar. Zur Infrastruktur gehören neben Stromversorgung sowie Zu- und Abwasser zusehends Glasfaserkabel. Wie man vor allem aus dem Flugzeug präzise ablesen kann, expandieren diese Flächen weltweit mit ungeheurer Geschwindigkeit.

Ob dies nun das neue Bild der Stadt des 21. Jh sein wird, oder ob diese Flächen sich bereits nach wenigen Jahren angesichts schließlich doch stärker re-regionalisierter Distributionslogik zum Siedlungsraum oder renaturierten Fläche zurück entwickeln werden, ist nicht absehbar. Klar ist jedenfalls, dass wir uns, wenn wir heute über Stadt und Landschaft reden, noch mehr als je zuvor darüber klar sein müssen, dass die Logistik diese formt und zwar mit einer kalten und geometrischen Logik, in welcher Architektur und Landschaft im alten Sinne nicht mehr vorkommen.

Bislang wird diesen Landschaften, wie Berger und Waldheim konstatieren, in Gestalter-Kreisen wenig Aufmerksamkeit zuteil. Sicher liegt dies an den ästhetisch scheinbar anspruchslosen Aufgaben. Aber gerade diese Tatsache sollte nach meiner Ansicht Architekten und Designer zum Nachdenken darüber anregen, was diese Landschaften für unsere Stadt, unsere Welt bedeuten. Werden unsere Städte diesem hyperrationalen Bild – einer Art Albtraum der Moderne – folgen oder könnten diese Flächen selbst städtischen Charakter im humanen Sinne annehmen?

Wie schnell sich landschaftsprägende Megastrukturen überleben können, sieht man am absehbaren Untergang der Shopping Malls in den USA. Bis 2020 könnten 50% der Malls geschlossen sein.

„Zwischen 1956 und 2005 baute Amerika 1 500 Malls. Sie waren ein Freizeitvergnügen für die Mittelklasse. Sie waren das Herz der Konsumkultur. Immer mehr Malls in Amerika schließen oder stehen halb leer, weil Kunden im Internet einkaufen.“ (Süddeutsche Zeitung online 22.4.2014) Die Umsätze der Malls in der Vorweihnachtszeit haben sich seit 2010 von 35 auf 17 Mrd $ glatt halbiert.

Die klassischen Shopping Malls scheinen also unter dem Ansturm der Lieferdienste zu verschwinden, was in den USA nicht nur zu Massenentlassungen an Verkaufs- und Wachpersonal, sondern auch zu strukturellen sozialen Problemen zehntausender Jugendlicher führt. Jugendliche können sich v.a. in ländlichen und periurbanen Räumen NUR in den Malls treffen. Nachdem diese nun dahinsterben, sind die Jugendlichen im Nichts verloren. Das, aus europäischer Sicht ohnehin fragwürdige soziale Leben in den Malls, war an vielen Orten der letzte öffentliche, relativ neutrale Platz für Jugendliche.

Die Logistik-Landschaften, die an ihrer Stelle zusehends wachsen, um den boomenden Internethandel zu bedienen, bieten hingegen KEINEN Raum für Aufenthalt, üblicherweise sind sie sogar regelrechte Sperrzonen, zumindest für das, was man als öffentliches Leben bezeichnen könnte. Zeit also, über die Gegenwart und Zukunft der Logistik-Landschaften ernsthaft nachzudenken.

[Bild: Auszug ARCH+ 205, Seite 80-81]

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