Historio-politische Geografie der Logistik

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Logistik

Seereisen dienten über Jahrtausende keineswegs dem Vergnügen, sondern stets dem Warentransport, also der Logistik. Bei der Entdeckung neuer Routen ging es stets um verkürzte, möglichst sichere Transportwege für möglichst hochwertige bzw. relevante Waren. Diese Entdeckungen begründeten, insbesondere im Zeitalter des Imperialismus, stets auch Besitzansprüche auf die „entdeckten“ Territorien. Diese Ansprüche würden im allgemeinen durch Mord und Totschlag untermauert. Nun haben wir einen aktuellen Fall der Einforderung von Ansprüchen, deren Perspektive und Ausrichtung eindeutig sind: Weltmachtgelüste eines Regionalfürsten.

Gerade geistert es massiv durch die Presse: „Muslime haben Amerika entdeckt.“ Ausgelöst wurde die Diskussion durch einen Vortrag Erdogans vor einer Konferenz lateinamerikanischer islamischer Würdenträger in Istanbul. Recep Tayyip Erdogan ist ja bereits bekannt für seine ausgreifende Auslegung der Einflussspäher der Türkei bis in die Mongolei (Stichwort Turksprachen) oder das gesamte Mittelmeer (Stichwort Osmanisches Reich). Nun schlägt er auch in der globalen Dimension auf, indem er die konstruierte Behauptung aufstellt, Amerika sei im 12. Jh. von Muslimen entdeckt worden, statt, wie man allgemein annimmt, im 10. oder 11. Jh von Wikingern.

Erdogan wendet sich dabei jedoch gar nicht gegen die Wikinger, die ihm entweder nicht bekannt sind, oder egal, sondern selbstverständlich gegen Christoph Kolumbus, den die katholische Könige 1492 – im Jahr der endgültigen islamischen Niederlage auf der iberischen Halbinsel – mit der Suche nach einer neuen Route nach Indien beauftragten. Der Grund dieses Auftrages lag u.a. auch in den erstarkten Osmanen im östlichen Mittelmeer, auf die sich Erdogan so gerne bezieht.

Es gebe eine Eintragung im Bordbuch Columbus’, welche von einer Moschee auf Kuba berichte. Nicht-muslimische Historiker sehen dies trockener: Der Kapitän wollte damit die Form eines Berges beschreiben, die ihn an die Kuppel einer Moschee erinnerte. Tatsächlich hat man in Amerika trotz der laut Erdogan „weiten Verbreitung“ des Islam keinen einzigen Rest präkolumbianischer Moscheen gefunden. Erdogan stellt unbeirrt fest: Der Islam war lange vor Kolumbus in Amerika weit verbreitet.

Erdogan möchte den muslimischen Entdeckern Amerikas nun ein Denkmal setzen. Er treibt den Bau von Moscheen auf Kuba voran. Die erste soll auf dem von Kolumbus beschriebenen Berg entstehen. In Havanna (3500 Muslime) ist eine zweite Moschee in Planung. Der Bauplatz steht angeblich bereits fest.

Nun wäre es im Grunde ziemlich egal, wer von all diesen Kandidaten Amerika ENTDECKT hat, wissen wir doch, dass grob 20.000 Jahre vor der Entstehung des Islam oder des Christentums eiszeitliche Menschen über die damalige Landbrücke an der Behringsee nach Amerika GELAUFEN sind: Die später von Kolumbus so genannten Indianer. Aber, wo es Ansprüche anzumelden gibt, werden über 500 Jahre alte subtil kontrovers auslegbare Bordbuchnotizen plötzlich hochaktuell.

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