Gut angelegtes Geld.

Schreibe einen Kommentar
Uncategorized
Judge_Charles_Breyer_official_portrait_United_States_District_Court_by_Scott_Johnston

Judge Breyers offizielles Porträt für den U.S. District Court von Scott Wallace Johnston

Charles Breyer (*1941) ist das Schreckgespenst der VW-Granden. Der für den Dieselskandal zuständige Richter ist auch nicht irgendwer, sondern ein hoch dekorierter Jurist. Er war u.a. von 1973 bis 1974 „assistant special prosecutor on the Watergate Special Prosecution Force“. So hoch hängt man in den USA diesen Manipulationsfall. Breyer hat einer Schlichtung bei 16.5 Milliarden US-Dollar zugestimmt. Und VW hat bereits akzeptiert, für 475 000 2.0 Liter-Maschinen zu büßen. Doch dies ist nur ein Teil des Themas, denn es sind noch dickere Bretter zu bohren: etwa die 80 000 3.0 Liter-Maschinen, die Breyer so schnell wie möglich von der Straße kriegen will. Heute, am 19.12.2016, verlangt der Richter von den Anwälten erneut Auskunft über den Sachstand. Was werden sie zu erzählen haben?

Wie dem auch sei: Zweistellige Milliardenbeträge könnte jeder Hersteller gut brauchen, wenn es eigentlich darum geht, die ganze Produktion auf den Kopf zu stellen. Aber diese Summen wird zumindest VW nicht haben, da sie in Strafzahlungen fließen werden. Heise online formulierte die Headline „VWs Dieselgate hat eine Entwicklung gestartet, die die Dieseltechnik insgesamt unter Druck setzt – und auch den Otto-Motor in Frage stellt.“ (19.12.2016). Genau darum geht es: Um ALLES, was die deutsche Automobilindustrie ausmacht. Sollte man Managern, die dieses Desaster angerichtet haben, noch irgendetwas glauben? Ich befürchte: Eher nicht.

Es geht hier in der Tat um mehr als den Softwareskandal, auch um mehr als den Diesel – es geht um die gesamte Technologie des Verbrennungsmotors, die leichtfertig aufs Spiel gesetzt wurde, indem man viel zu spät angefangen hat, wirklich ernsthaft nachzudenken, wo das denn hinführen soll, z.B. angesichts der Pariser Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC). Das ist ein Vertrag zwischen 195 (!) Mitgliedsstaaten. Auch Trump wird nicht aussteigen können, und wie in praktisch allen anderen Fällen auch, sein Wahlversprechen brechen.

Daimlers Entwicklungschef Thomas Weber sagt dpa unterdessen: “Die Verbrennungsmotoren zu früh als alt und schlecht zu bezeichnen, ist einfach zu kurz gesprungen“.  Mit den immer weiter wachsenden elektrischen Reichweiten von sogenannten Plug-In-Hybriden, die sowohl mit Benzin als auch mit Strom betankt werden, könne der Übergang effizient gestaltet werden. Darauf hätte man auch schon früher kommen können. VW hatte z.B. bereits 2002 den VW XL1, ein 1-Liter Auto. Man arbeitete 12 (!) Jahre am Konzept und begann im März 2014 mit der Produktion von 200 Exemplaren. Die Produktion wurde 2016 eingestellt. Klingt so der Glaube an effiziente Verbrennungsmotoren? Lieber zahlt man Abermillarden an Strafe für Softwaremanipulationen …

Ich muss zugeben, dass ich ein Freund technologischer Innovation auf Basis ökosozialer Prinzipien bin. Denn diese Art von Innovation ist das, was man heute und zukünftig braucht. Die bizarren Konzepte eines VW-Konzerns sind leider nicht zukunftsfähig. Das ist nicht nur traurig, sondern es ist TRAGISCH – für uns Alle. Denn die hohen Herren werden nicht, wie es angemessen wäre, auch in Deutschland kriminalisiert, sondern Ihnen werden weiterhin freiwillige Selbstverpflichtungen auferlegt. Wenn man keine Vorstellung von Gesetzestreue, gesellschaftlich nützlicher Technik, kaufmännischer Ehre und staatsbürgerlicher Verantwortung hat, woran appelliert diese freiwillige Selbstverpflichtung denn überhaupt?

Die radikale Transformation wird rasch kommen. Für einen kaum noch finanziell beweglichen Konzern wie VW wird es sehr schmerzhaft sein, zuzusehen, wie andere vorbeiziehen. Die Chinesen sind plötzlich nicht mehr der dumme Markt, der alles Made in Germany mit Kusshand abnimmt, sondern sie sind zu einem kritischen Faktor geworden, weil sie ihre Umweltstandards  – notgedrungen – radikal anheben.

Dazu kommt die Konkurrenz durch die digitalen Big Four und den Wizard of Elon. Toyota verabschiedete sich nach dem VW-Abgasskandal bereits schrittweise von Dieselfahrzeugen. Für den neuen SUV C-HR wird kein entsprechender Motor angeboten, verlautbarte Toyotas Didier Leroy in Paris.

Wieso wird eigentlich der Vorstoß von Bündnis 90/Die Grünen, ab 2030 Schluss zu machen mit dem bisherigen Verbrennungsmotor, wieder einmal verachtet? Wäre man der politischen Linie der Grünen gefolgt, hätten wir das Problem gar nicht. Das muss mal laut gesagt werden, denn die Grünen haben, trotz übler Fehleinschätzungen, wie etwa dem Biodiesel, bereits vor 30 Jahren einen radikalen Switch in den Entwicklungsstrategien gefordert. Dies war übrigens keineswegs technikfeindlich, sondern mit einem klaren Akzent auf die Evolution komplett neuer Technologien formuliert. Wenn die Grünen heute das Ende des Verbrennungsmotors ab 2030 fordern, wird, wie seit Jahrzehnten, reflexhaft rumgeheult. Es wird Inkompetenz unterstellt und von Christian Lindner über Sigmar Gabriel bis Alexander Dobrindt wird abgewunken.

Wenn sich Deutschland jedoch keine Radikalkur verpasst und kein verbindliches Datum in Sachen Motorenwende auferlegt, werden letztlich zahllose Arbeitsplätze im Motorenbau verloren gehen, denn „Von Norwegen über die Niederlande bis Österreich werden in Europa gesetzliche Auslaufdaten für Verbrennungsmotoren diskutiert.“ (ORF.at 30.9.2016). Beispiele für untergegangene Branchen? Die deutsche Textilindustrie, die deutsche optische Industrie, die deutsche Phonindustrie. Alles mal Weltmarktführer. Alle weg vom Fenster.

VW und Daimler stellten in Paris E-Fahrzeuge vor, die mit 500 und 600 Kilometern Reichweite für den Alltag taugen und nicht teurer als Dieselautos sein sollen. Um 2020 herum sollen nach diesen Vorbildern Serienfahrzeuge auf den Markt kommen. Aber ist Daimlers „Generation EQ“ wirklich ernst gemeint? Und ist das  Statement von VW-Markenchef Herbert Diess beim Launch des elektrischen I.D. („Iconic Design“, der den Golf ablösen soll), bis 2020 Tesla und Apple anzugreifen, substanzhaltig? Was hörte man dazu eigentlich von BMW, seit dem Launch der i-Modelle?

Peter Fuß von EY (Ex Ernst & Young) taxiert den Umstellungsbedarf im Fabrikationsbereich auf zweistellige Milliardensummen, allein in Deutschland. Das Geld hat zumindest VW – aller Wahrscheinlichkeit nach – nicht. Denn diese Beträge müssen als Strafzahlung an Richter Breyer in die USA überwiesen werden…

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *