Diplomarbeit: OrganCare | Transportsystem für Organspenden von Victoria Hammel

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Bildungsinstitution / Logistik / People

Ende Oktober 2014 haben wir zur Diplompräsentation des Fachbereichs Produktgestaltung der HfG Offenbach geladen. Es wurde eine Vielzahl spannender Diplomarbeiten präsentiert. Fast die Hälfte aller Diplomanden des Jahrganges haben sich thematisch mit Mobilitätsthemen oder logistischen Fragestellungen auseinander gesetzt. Heute möchten wir euch die Abschlussarbeit OrganCare / Transportsystem für Organspenden von Victoria Hammel (Betreuer: Prof. Frank Georg Zebner) vorstellen.

 

In deiner Diplomarbeit OrganCare – hast du dich einem überlebenswichtigen und zugleich hochlogistischem Thema angenommen. Dem Transport von menschlichen Organen. Was hat dich dazu bewegt, dich diesem sensiblen und anspruchsvollen Thema zu widmen?

Medizinische Themen und solche von denen sich viele Menschen lieber fern halten haben mich schon immer gereizt.
Erste Berührungen mit dem Thema Organspenden hatte ich vor etwa 3 Jahren als mein Onkel transplantiert wurde. Da liegt es als Produktgestalter nahe, sich über Transplantationsverfahren, Vergabelisten und vor allem Transportbehälter zu informieren.
Was sich mir dabei eröffnete entsprach nicht meinen Erwartungen – überwiegend werden Einweg-Styroporboxen eingesetzt, die sperrig und wenig vertrauenserweckend erscheinen. Sie sind unhandlich, nicht wiederzuverwendbar und semantisch zu wenig aussagekräftig. Dabei ist vor allem der letzte Punkt unverzichtbar, denn es handelt sich bei Organspenden um das wertvollste Gut auf Erden. Sie sind für Betroffene meist die einzige Überlebenschance. Es gilt unbedingt Verantwortung zu übernehmen, Vertrauen zurückzugewinnen und das Thema ins Bewusstsein der Menschen zu rufen.

 

Die Organspendenbereitschaft in Deutschland sinkt – aktuell kommen auf 1 Mil. Bundesbürger nur noch 10,8 Spender. Die sinkende Bereitschaft ist auf Organskandale der letzten Jahre zurück zuführen. Du hast dich nun intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt. Warum sollten wir keine Angst haben unsere Organe post mortem zu spenden?

Zunächst ist vielleicht zu sagen, dass jeder Arzt bis zuletzt für seine Patienten kämpft. Geräte werden erst abgeschaltet, wenn der Patient für Hirntod erklärt wurde, welches eine irreversible Einstellung der Versorung des Gehirns bedeutet. Dies gilt die als sicheres Todeszeichen.

Für eine Organtransplantation gelten etliche Vorschriften und Richtlinien, ohne deren Berücksichtigung eine Transplantation nicht durchgeführt werden darf. Dazu gehört die Berücksichtigung des Willens des Verstorbenen. Auf einem Organspenderausweis kann jeder seinen eigenen Willen notieren oder jemanden eintragen, der die Entscheidung darüber, was nach dem Tod mit seinen Organen passieren, bestimmen darf. Vorraussetzung ist auch, dass der Patient von zwei voneinander unabhängigen Ärzten für Tod erklärt wurde.

 

Bist du in Besitz eines Organspendeausweises? Wenn ja seit wann? Und warum?

Ja, ich bin in Besitz eines Organspenderausweises, aber tatsächlich erst seit meiner intensiven Auseinandersetzung mit diesem Thema während des Diploms.

Ich würde die Frage gerne umdrehen und fragen: Warum nicht?

Für jeden kommt irgendwann die Zeit, wieso dann nicht einem Menschen ein neues Leben schenken? Wozu funktionierende Organ mit ins Grab nehmen, wenn sie jemanden retten können. Das hört sich alles etwas überdramatisiert und weltverbesserisch, fast predigend an aber wir sprechen hier von unseresgleichen, denen geholfen werden muss. Vielleicht sind Sie oder ich irgendwann nochmal in der Situation, in der ein enger Freund oder ein Familienmitglied in Not sind und ums Überleben kämpfen, dann können wir vielleicht nichts tun. Aber für uns alle kommt irgendwann die Zeit, in der wir einem anderen Familienmitglied oder Freund ein neues Leben schenken könn(t)en.

In deiner Recherche bist du mit Sicherheit auf viele Fakten, Informationen, Bestimmungen und Voraussetzungen gestoßen. Welche haben dich am meisten beeindruckt/überrascht oder erschüttert?

Die Tatsache, dass in Deutschland nur jeder 7. einen Organspenderausweis hat gehört definitiv zu den schockierendsten Fakten, denn es bedeutet, dass sich der Rest der Deutschen mit diesem Thema noch nie näher befasst hat.

Interessant hingegen war für mich, dass in Österreich jeder Bürger automatisch Organspender ist, es sei denn er äußert sich explizit dagegen.

 

Welche Wege muss ein Spenderorgan zurücklegen, bis es den Empfänger erreicht? Welche Verkehrsmittel werden für den Transport eingesetzt?

Die zurückzulegenden Wege eines Spenderorgans sind ganz unterschiedlich. Vom Taxi, über die Bahn bis hin zum Flugzeug und Hubschrauber ist alles dabei. Abhängig sind die Transportwege vor allem von der zur Verfügung stehenden Zeit, sowie der zurückzulegenden Strecke. Die durch das Organ bestimmte Zeit und die vom Empfänger bestimmte Entfernung entscheiden somit den Transportweg.

 

Wenn ein leider viel zu seltener Organspender gefunden ist, muss das Organ entnommen und transportiert werden. Die Ischämiezeit eines Organs muss so kurz wie möglich gehalten werden. Es kann also auch mal hektisch zugehen. Wie werden die Organe heute transportiert und wie sähe im Vergleich der Transport mit deinem Entwurf OrganCare aus?

Organe werden heute in Deutschland vor allem in zwei Behältern transportiert, abhängig vom Organ. Für die kleinere Organe (Herz, Niere, Pankreas und Leber) werden große fast quadratische Einwegboxen aus Styropor verwendet. Sie zeichnen sich vor allem durch eine extrem dicke Wandung aus, die einen gewissen Schutz bietet, der Verschluss, sowie die Handhabung und Vertrauenswürdigkeit dagegen stehen eher im Hintergrund. Für die Lunge werden reguläre Kühltruhen verwendet.

OrganCare ist ein sich durch Funktion, Ästhetik und Materialität auszeichnendes Produkt. Ich habe mich in der Entwicklung mit den unterschiedlichsten Faktoren – dazu gehören unter anderem Statik, Sicherheit, Stabilität, Materialität, Handhabung, Kontrolle und Kommunikation – intensiv auseinandergesetzt. OrganCare findet seinen Ansatz darin, möglichst vielen Eventualität gerecht zu werden und das muss ein Transportbehältnis von Organspenden, denn unter Zeitdruck und im Stress passieren Fehler, die kompensiert werden müssen. Dabei spielt die Kombination der Materialien eine große Rolle. Die Aluminiumunterschale zum Beispiel ermöglicht im schlimmsten Falle eines Sturzes das Aufkommen des Behälters auf der stabilsten Seite und verhindert somit, dass die Isolierungsstruktur oder der Inhalt Schaden davon tragen. Für den seitlichen Schutz finden sich Makrolonelemente, die sich entsprechend des Bedarfs – vorgegeben durch den Formverlauf des Behälters – mehr oder weniger breit verlaufen. Je kleiner der Radius wird, desto ausgeprägter muss das Schutzelement sein.

Eine intelligente Tragekonstruktion fordert den Transporteur zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem Behälter auf und zeichnet klare Grenzen. Das Öffnen des Behälters bsw. ist nicht Teil seiner Aufgabe, durch den Formverlauf der Tragekonstruktion wird dies folglich bewusst erschwert. Aus Sicht der Passanten scheint der Behälter zu schweben und drückt somit aus, dass etwas gebrechliches transportiert wird.

Das sich an der Tragekonstruktion befindliche Umhängeband lässt sich durch einen einfachen mit Magneten versehenen Faltmechanismus zu einem Handgriff umfunktionieren. Wichtig war mir bei der Überlegung zur Tragekonstruktion, dass der Transporteur mindestens eine freie Hand zum Interagieren hat.

Die Tragekonstruktion lässt sich mit einem einfachen Griff von dem Behälter lösen, dafür sind allerdings zwei Hände von Nöten; dies soll spontanes Öffnen verhindern. Zum Transport gehören auch die seitlich integrierten Griffrillen. Sie sind vor allem für den krankenhausinternen Transport von hoher Bedeutung.

 

Durch welche Besonderheiten zeichnet sich dein Entwurf aus?

Die Besonderheiten des Entwurfes lassen sich an unterschiedlichen Beispielen festmachen. Sicherlich ist der Materialaufbau zu nennen (Aerogel, Makrolon, Aluminium und PBT). Durch ihr intelligentes Zusammenspiel entsteht ein Innen und Außen welches das Behältnis und zwei Zuständigkeitsbereiche aufteilt. Außen dienen Aluminium- und Makrolonelemente durch ihren funktionalen Aufbau dem hohen Schutz vor äußeren Einflüssen wie Witterung, Temperatur, Stossgefahren, etc. Im Inneren sind vor allem das Blutprobenlager, großzügige Radien und ein intelligentes Verschlusssystem von Bedeutung. Außerdem gehören die Griffrillen, Tragekonstruktion und der Temperaturlogger zu den Besonderheiten.

 

Warum ist die Form deines Entwurfs OrganCare rund? Hat das etwas mit dem Transport zu tun?

Die runde Form lässt sich sehr vielseitig argumentieren. Zum einen ist sie die stabilste aller Grundformen und kann so starken äußeren Einflüssen standhalten. Bei einem Stoß von außen werden Kräfte gleichmäßig über die Fläche verteilt und schützen vor Schäden in der Isolierungsstruktur. Zum anderen ist die Isolierungskraft bei runden Formen am höchsten. Auch Reinigung/Sterilisierung und Schutz der im Inneren transportierten Organe spielen dabei eine Rolle. Zuletzt hat die runde Form eine hohe semantische Aussagekraft. Sie kommuniziert, dass sich etwas wertvolles im Inneren verbirgt.

Zusammengefasst: Stabilität, physikalisch-statische Aspekte, Sterilisierbarkeit, Schutz von innen und außen, semantische Aussagekraft und Transportfähigkeit.

 

Werden in einer OrganCare Transportbox nur das Organ oder auch andere Dinge transportiert?

Entworfen habe ich die Box vorrangig für Organe, sie ließe sich aber auch für alle anderen zu transplantierenden Spenden nutzen. Neben dem organ selbst müssen üblicherweise Blutproben sowie Lymphknoten transportiert werden. Dies ist wichtig, um vorort einen letzten Abgleich zwischen den Daten von Spender und Empfänger vornehmen zu können.

 

Einem Artikel konnte ich entnehmen, das es beim Transport nicht nur auf die Zeit sondern auch auf die Temperatur ankommt. Wie wird die Temperatur im Organ Care erzeugt und erhalten? Kann der Transporteur die Temperatur überwachen?

Die entsprechende Temperatur wird durch die Verbindung aus Perfusionslösung und Eis erreicht und durch die unheimlich effiziente Aerogel-Isolierung stabil gehalten. Kontrollen von Kühlung und verbleibender Zeit bis zum Erreichen am Zielkrankenhaus werden dem Transporteur durch einen sich im Inneren des Behälters befindlichen Temperaturlogger ermöglicht. Dieser misst laufend die Innentemperatur und leitet Informationen an ein sich auf der Oberseite des Behälters befindliches Display, welches sich stets im Blickfeld befindet.

 

Seit dem du deine Diplomarbeit abgeschlossen hast sind einige Tage ins Land gegangen. Tage an denen hoffentlich einige Menschen ein neues Leben erhalten haben. Ist es an der Zeit ein Resümee zu ziehen? Wie geht deine Reise mit OrganCare weiter?

Organ_Care ist in erster Linie ein Aufruf an alle Menschen sich mit dem Thema Organspende zu befassen und zu zeigen, dass medizinisches Personal und die für Transplantationen zuständige Mitarbeiter verantwortungsbewusst mit diesem Thema umgehen. Es ist ein Statement, das den Menschen erlaubt verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Ich würde mir wünschen, dass Organ_Care sowohl Menschen erreicht die sich mit Organspenden befassen als auch solche, die sich darüber noch nie Gedanken gemacht haben.

Ich persönlich habe mich dazu entschieden meine Designkompetenzen um die Interaktion von Mensch und Produkt zu erweitern – wer weiß, vielleicht gibt es im nächsten Jahr ein Organ_Care 2.0.

 

Danke Victoria.

Wer mehr von dem spannenden Projekt erfahren möchte, kann sich gerne via Mail direkt an uns wenden. Wir leiten die Anfrage dann an Victoria Hammel weiter.

Organ Care © Victoria Hammel

Organ Care © Victoria Hammel / http://goo.gl/eaLI8t

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