Die USA wollen ihr massives Infrastrukturproblem mittels eines Wettbewerbs angehen.

Schreibe einen Kommentar
Uncategorized
Old 7-Mile Bridge Florida

Das US-Verkehrsministrium (US Department of Transportation) hat einen Wettbewerb ausgelobt, um einerseits die malade Infrastruktur zu verbessern, anderseits, um eine „Zukunftsstadt“ zu küren, der eine Siegerprämie winkt.  

Die USA haben eine verrottete Infrastruktur, zum letzte Mal runderneuert im Rahmen des gigantischen staatlichen Investitionsprogramms New Deal der 30er Jahre. Damals wurden Dämme, Straßen, Kraftwerke, Autobahnen, Brücken, öffentliche Infrastrukturen gebaut. Der Staat fühlte sich voll verantwortlich für das Wohlergehen der Gemeinschaft. Damit ist es bekanntlich spätestens seit den neoliberalen Umstürzen unter Ronald Reagan vorbei. Auch Infrastruktur wird nur noch als Funktion des Marktes verstanden. Entsprechend kaputt ist sie auch, denn die Marktwirtschaft kann in infrastrukturellen Größenordnungen niemals die öffentliche Hand ersetzen. Dies scheint aber völlig unverstanden, wenn man jetzt von dem geradezu bemitleidenswerten Projekt hört, in dem die Regierung einen Preis ausschreibt, der an jene Kommune gehen soll, welche die beste Idee für eine Zukunftsstadt hat.

Auch hier – bzw. gerade hier, setzt man auf private Investments von Internet-Giganten. Alphabet (Google), Amazon, der Halbleiterhersteller NXP kreisen als Mitveranstalter daher auch schon wie die Geier über den Städten, um auch im kommunalen Raum Big Data absaugen zu können. Es läuft in dem Wettbewerb alles auf die „smarte Stadt“ hinaus; es geht um Online-Mobilitätsdienste, Sharing Apps etc. Es geht also vorrangig nicht um nützliche Infrastrukturen, oder ggf. sogar attraktive öffentliche Räume à la Kopenhagen, sondern um Vernetzung. Harald Welzer arbeitet pointiert heraus: „Da haben NSA-Mitarbeiter allen Grund, sich über iphone-Käufer als „zahlende Zombies“ lustig zu machen, die auch noch Geld dafür ausgeben, um ihre eigene Stasi-Leitstelle mit sich herumzutragen.“ Welzer, Harald, Die smarte Diktatur, Fischer Verlage, 2016, p. 35

Es wird auf jeden Fall spanend zu sehen, wie mit Hilfe dieser punktuellen und letztendlich auf gesteigerte Daten-Generierung gerichtete Aktivität der nächste flächendeckende Stromausfall verhindert werden kann. Gigantische Ausmaße hatte bekanntlich jener von 2013. Oder wie damit die in der Summe tausende von Kilometern verrostete Brücken erneuert werden.

Diese innere Bankrotterklärung der tatsächlichen Supermacht USA ist verstörend. Der Wettbewerb richtet sich an mittelgroße Städte bis 850.000 Einwohner. Nicht dass Wettbewerbe eine schlechte Wahl wären – die Margarine und das Weckglas gehen bekanntlich auf Napoleonische Wettbewerbe zurück.

Die FAZ titelte dazu am 2.6. „Amerika sucht die Superstadt“. Ende 2015 wurde der Wettbewerb des Verkehrsministeriums gestartet, die Städte treten gegeneinander an – aha, noch mehr Wettbewerb im Land des zerstörerischen Wettbewerbs. FAZ: „Die amerikanische Regierung ist sich der Schwäche der Infrastruktur bewusst. Und sie weiß, dass die Anforderungen an die Infrastruktur in Zukunft noch steigen. Sie rechnet damit, dass die Bevölkerung des Landes in den nächsten 30 Jahren um 70 Millionen Menschen und damit um mehr als ein Fünftel wachsen wird. Die ohnehin schon alternde Infrastruktur der Städte sei dafür nicht gerüstet, gibt die Regierung zu.“

Das klingt alles ziemlich kurios. Statt ein staatlichen Programm zu starten, wie es die USA in glücklicheren Zeiten in bewundernswerter Weise hingekriegt hat, wird ein bizarrer Partikularismus ausgelobt. Man hat auf staatlicher Ebene offenbar GAR kein eigenes Konzept. Daher dieser Nottrick. Die Siegerstadt erhält 40 Millionen Dollar. 10 weitere schießt die Investmentgesellschaft Volcan Inc. von Paul Allen, Ex-Microsoft, dazu.

Die sieben Finalisten erarbeiten zur Zeit den Plan. Im Juni wird in einer Endausscheidung der Sieger verkündet. Dabei sind selbstverständlich die Technologiestädte wie San Francisco, Portland oder Austin. Auch andere ganz gut aufgestellte Orte, wie Columbus sind noch dabei. Vergeblich wird man die Elendsstädte des tiefen Südens suchen. Aber die hat man ohnehin abgeschrieben. So lässt sich Zukunft wohl leider nicht gestalten …

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *