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Dabbawallas in Mumbai (1)

John Thackara hat die Dabbawallas („Essensträger“)in Mumbai 2005 zum ersten Mal im Designkontext thematisiert. (2) Dort betont er den Netzwerkcharakter und die Tatsache, dass Dabbawallas bereits seit 2003 online-Bestellungen aufnahmen, lange vor anderen Food-Deliverysystemen in westlichen Großstädten.

Sie werden seitdem immer wieder als gutes Beispiel für nicht-motorisierte Lieferlogistik angeführt. Ein guter Grund, das System etwas näher zu betrachten.

Das Dabbawalla-System ist ungemein sympathisch, denn es ermöglicht es, am Arbeitsplatz köstliche Hausmannskost zu essen, statt anonymen Kantinenfraß oder Fast-Food vom Eck. Das in den 90er Jahren des 19. Jh für die indischen Angestellten des britischen Kolonialsystems geschaffene Logistikwunder, kommt allen Nachhaltigkeits-Forderungen von Thackara nach. Dessen zentrale Forderung an jedes Design ist es bekanntlich „to design people into the system instead of out of it“.

Diese These geht von der simplen Tatsache aus, dass die meisten Designentwicklungen, ja das Grundprinzip modernen Wirtschaftens, davon ausgehen, Menschen wegzukürzen, um wirtschaftliche Effizienz und eine maximierte Rendite zu erzielen. Die Frage dahinter ist jedoch stets: Was hat unsere menschliche Gesellschaft davon, wenn sie Menschen zugunsten von Maschinen überflüssig macht, insbesondere Menschen, denen keine andere sinnvolle Betätigung angeboten wird?

Thackara weit zurecht darauf hin, dass es immer mehr Menschen gibt und immer weniger unberührte Ressourcen, dass dieses Prinzip des Automatisieren also zum weitaus Schädlichsten gehört, das wir propagieren. Die Konsequenz ist höhere Arbeitslosigkeit, größere Perspektivlosigkeit und – mehr Maschinen statt Menschen im Einsatz.

Was macht die knapp 5000 Dabbawallas in Mumbai, über ihren Exotismus hinaus interessant auch für unsere innerstädtischen Kurier-, Express-, Paket-Fragestellungen (KEP-Services)?

Seit den 1890er Jahren transportieren die meist analphabtischen Kuriere auf Basis eines ausgeklügelten Zeichensystem pro Träger Dutzende mehrstöckige Henkelmänner-Dosen (Dabbas) über viele Kilometer. Die lagen Strecken werden mit der ÖPNV (v.a. Vorortzüge/S-Bahnen) transportiert, die Feinverteilung in der Stadt erfolgt mit Handkarren, dem Fahrrad, v.a. aber zu zu Fuss. Dem Transport geht die Produktion in den häuslichen Küchen in den Vorstädten voraus.

So weit so gut, das ginge auch bei uns. Der Erfolg des Systems ist jedoch nicht so leicht übertragbar, denn es basiert auf dem Bedürfnis vieler Inder, ausschließlich frisch zubereitetes Essen zu sich zu nehmen, insbesondere vegetarische Speisen, die mit individuell angemischten Kräuter- und Gewürzrezepten hergestellt werden.

Jeder Haushalt hat z.B. eigene Curries. Die Produktion findet also v.a. in privaten Küchen statt, wo die Henkelmänner von den Dabbawallas abgeholt werden. Es gibt aber auch kleine Koch-Manufakturen, die spezielle Gerichte herstellen und in das System einspeisen. Die Dabbas werden in lokalen Relais-Stationen den Zielen zugeordnet, von Trägern in den Zügen in die jeweiligen Büro- oder Handwerksstandorte transportiert, dort straßenweise  bzw. gebäudeweise verteilt und den Angestellten persönlich übergeben.

Ergo: Ehefrauen kochen liebevoll nach Omas Rezept, Ehemänner essen frisch zubereitete Hausmannskost. So kann man das kurz zusammenfassen.  Dafür zahlt man auch ein paar Rupien, die sich zu einem Monatsgehalt von rund 100 € für den Dabbawalla summieren.

Die Produktivität der Dabbawallas wird von FORBES-Magazine mit den größten globalen Logstik-Organisationen verglichen. Das System lässt sich sicher nicht direkt auf mitteleuropäische Großstädte übertragen; zum Einen, weil frisches, häusliches Essen hier nicht die wichtige Rolle spielt wie in Indien, zum Zweiten, weil der Zu- Fuss-Transport nicht als attraktiv empfunden würde und weil die Einkommensdifferenz zwischen Angestellten und Trägern hier niemals so groß sein könnte wie in Indien.

Im Grund ist das System zwar schneller, logistisch aber nicht raffinierter als die individuelle Briefzustellung durch Postboten bei uns, doch es thematisiert wichtige Aspekte: individuellen Geschmack, emphatische Bindung zwischen Koch und Esser, das gemeinschaftliche Arbeiten der Dabbawallas in den Relaisationen und während der Bahntransfers … Also Emphase und individuelle Beziehung. Diese Aspekte werden in den Logistik-Systemen, die wir heute denken, nur am Rande berührt.  Sie sind aber zutiefst menschlich.

Der anhaltende Erfolg des Systems, das gemäß Angaben der New York Times nach wie von ein Wachstum von 5-10% pro Jahr hinlegt, sollte nachdenklich machen und auch uns dazu bringen, zu überlegen, was genau man hier lernen kann, was genau wir davon übernehmen könnten und welche unserer Lieferservices gegebenenfalls mit den Methoden der Dabbawallas verbesserbar wären.

1 wikimedia

2 Thackara, John, In the bubble – designing in a complex world, MIT Press, 2005, pp. 40-41, Kapitel „Speed“. 

 

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